/Deutsche Investitionen in den USA brechen wegen Zollrisiken ein

Deutsche Investitionen in den USA brechen wegen Zollrisiken ein

Deutsche Unternehmen reduzierten ihre Direktinvestitionen in den USA im ersten Halbjahr 2026 auf €4.3 Milliarden. Die Schlagzeile deutet auf einen drastischen Rückzug hin, doch die zugrunde liegenden Daten zeigen ein differenzierteres Bild: Bestehende Standorte bleiben wichtig, während neues Kapital auf stabile Handelsregeln wartet.

von Equedia
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Deutsche Fabrikmaschinen und Schiffscontainer stehen jenseits des Atlantiks einer amerikanischen Skyline gegenüber.

Die deutschen Investitionen in den Vereinigten Staaten sanken im ersten Halbjahr 2026 auf €4.3 Milliarden und damit auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren. Das ist ein deutliches Warnsignal für die weltweit größte bilaterale Handels- und Investitionsbeziehung, auch wenn ein häufig zitierter Vergleich präzisiert werden muss: Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 betrug der Rückgang fast zwei Drittel, während sich das Minus von nahezu 80% auf den Vergleich mit dem ersten Halbjahr 2024 bezieht.

Diese Unterscheidung schwächt die Aussage nicht, sondern präzisiert sie. Deutsche Unternehmen kehren dem amerikanischen Markt nicht den Rücken. Sie sind jedoch deutlich weniger bereit, frisches Eigenkapital einzusetzen, solange die US-Zollpolitik schwer kalkulierbar bleibt.

Deutsche Investitionen in den USA brachen ein

Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW, auf Grundlage von Bundesbank-Daten zeigen, dass die deutschen Direktinvestitionen in den USA von €12.3 Milliarden im ersten Halbjahr 2025 auf €4.3 Milliarden im entsprechenden Zeitraum 2026 zurückgingen. Im ersten Halbjahr 2024 hatten die Investitionen noch €21.3 Milliarden erreicht. In den fünf Jahren vor der COVID-19-Pandemie investierten deutsche Unternehmen im ersten Halbjahr durchschnittlich €15.8 Milliarden. Der Wert für 2026 liegt damit bei weniger als einem Drittel dieses Vergleichswerts.

Die Pandemiejahre sind mit Vorsicht zu betrachten, da mehrere von ihnen durch Betriebsschließungen, Finanzierungsverschiebungen und Nettokapitalabzüge verzerrt wurden. Trotz dieses Vorbehalts ist die Entwicklung seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 kaum zu übersehen. „Damit setzt sich der Abwärtstrend fort, der seit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit zu beobachten ist“, sagte IW-Forscherin Samina Sultan gegenüber Reuters.

Die unmittelbare Erklärung ist die politische Unsicherheit. Die Trump-Regierung setzt tatsächliche und angedrohte Importzölle ein, um Handelspartnern Zugeständnisse abzuringen. Für ein Unternehmen, das eine milliardenschwere Fabrik, ein Vertriebszentrum oder eine Übernahme erwägt, ist die Höhe des Zollsatzes wichtig. Noch wichtiger ist jedoch, wie dauerhaft dieser Satz gilt.

Ein Investitionsstreik, kein Unternehmensexodus

Ausländische Direktinvestitionen sind kein eindeutiger Maßstab für neue Fabriken. Sie umfassen im Allgemeinen drei Komponenten: Eigenkapital, reinvestierte Gewinne und Kreditbeziehungen zwischen einer Muttergesellschaft und ihren ausländischen Tochtergesellschaften. Ein Blick hinter die Schlagzeile zeigt daher, was deutsche Unternehmen tatsächlich tun.

Die IW-Analyse der Kapitalströme von 2025 ergab, dass reinvestierte Gewinne und Direktinvestitionskredite außergewöhnlich hoch blieben, während das Eigenkapital – der Saldo aus neuen Einlagen und Liquidationen – unter dem Durchschnitt lag. Diese Aufteilung ist der Kern der Entwicklung: Deutsche Unternehmen mit etabliertem US-Geschäft verdienen dort weiterhin Geld, behalten einen Teil dieser Gewinne ein und finanzieren ihre Tochtergesellschaften. Bestehende Werke, Kundenbeziehungen und Vertriebsnetze besitzen weiterhin Wert, und die Unternehmen sind nicht zu dem Schluss gekommen, dass Investitionen auf dem amerikanischen Markt nicht mehr rentabel seien.

Nachgelassen hat vielmehr die Bereitschaft zu neuen, schwer reversiblen Engagements. Gewinne in eine etablierte Tochtergesellschaft zu reinvestieren, ist risikoärmer, als eine neue Fabrik zu bauen oder einen Wettbewerber zu übernehmen. Die erste Entscheidung schützt ein bestehendes Geschäft; die zweite setzt voraus, dass Steuer-, Zoll-, Beschaffungs- und Marktzugangsregeln über Jahre hinweg tragfähig bleiben. Deutsche Unternehmen halten an ihrem Engagement fest, bewahren sich aber die Möglichkeit, Erweiterungen aufzuschieben.

Die Zusage über $600 Milliarden beseitigte die Unsicherheit nicht

Die USA und die Europäische Union einigten sich 2025 auf einen Handelsrahmen, um eine umfassendere Eskalation zu verhindern. Er legte für viele EU-Waren bei der Einfuhr in die Vereinigten Staaten eine Zollobergrenze von 15% fest, vorbehaltlich produktspezifischer Regelungen, und skizzierte Änderungen für Automobile, Pharmazeutika, Halbleiter und andere Branchen. Laut der gemeinsamen Erklärung der Europäischen Kommission sah der Rahmen zudem vor, dass europäische Unternehmen bis 2028 zusätzliche $600 Milliarden in strategische US-Sektoren investieren sollten.

Die Formulierung ist entscheidend, denn es handelte sich um eine Investitionserwartung und nicht um einen bereits bewilligten öffentlichen Fonds über $600 Milliarden, der sofort eingesetzt werden könnte. Die Kapitalentscheidungen liegen weiterhin bei den einzelnen Unternehmen, Vorständen und Kreditgebern, die mehr als nur den öffentlich genannten Zollsatz bewerten müssen. Sie benötigen Klarheit über Ausnahmen, Ursprungsregeln, importierte Komponenten, sektorale Untersuchungen und darüber, ob eine weitere Exekutivmaßnahme die Wirtschaftlichkeit eines Projekts nach Baubeginn verändern könnte.

Zölle werden häufig als Anreiz für ausländische Unternehmen dargestellt, innerhalb der Vereinigten Staaten zu produzieren. Das kann funktionieren, wenn die Politik klar und dauerhaft ist. Ändern sich die Zollregeln jedoch wiederholt, kann dieselbe Politik Investitionen einfrieren, weil Unternehmen keine verlässliche Rendite kalkulieren können. Hinweise auf dieses Zögern gab es bereits vor den jüngsten Investitionsdaten: Eine im Juli 2025 veröffentlichte Ifo-Umfrage ergab, dass fast 30% der deutschen Unternehmen mit US-Investitionsplänen Projekte aufgeschoben und 15% sie wegen der Zollunsicherheit gestrichen hatten. Mehr als 60% der befragten Unternehmen berichteten laut Reuters von negativen Auswirkungen der US-Zölle, wobei der Maschinenbau besonders stark betroffen war.

Die Zahlen für das erste Halbjahr 2026 deuten darauf hin, dass sich diese Zurückhaltung inzwischen nicht mehr nur in Umfrageantworten, sondern auch in den tatsächlichen Kapitalströmen zeigt.

Deutschland steht auf beiden Seiten des Atlantiks unter Druck

Die deutsche Industrie geht aus einer schwierigen Position in diesen Konflikt. Automobilhersteller, Maschinenbauer, Chemiekonzerne und spezialisierte Industrieunternehmen sind auf globale Lieferketten und Exportmärkte angewiesen. Die Vereinigten Staaten bieten Größe, vergleichsweise niedrigere Energiekosten und eine starke Verbrauchernachfrage. Viele deutsche Produkte enthalten jedoch Komponenten, die vor der Endmontage mehrfach Grenzen überqueren.

Ein Werk in den USA beseitigt das Zollrisiko nicht automatisch, wenn es auf importierte Maschinen, europäische Baugruppen oder weltweit beschaffte Metalle angewiesen ist. Der Aufbau einer vollständig lokalisierten Lieferkette braucht Zeit und zusätzliches Kapital – genau jenes Engagement, zu dem Unternehmen ohne stabile Regeln nur ungern bereit sind. In Deutschland kämpfen die Hersteller zudem mit hohen Arbeits- und Energiekosten, Bürokratie, schwacher Nachfrage in wichtigen Exportmärkten und wachsendem chinesischen Wettbewerb. Diese Bedingungen machen die USA nicht weniger attraktiv; sie erhöhen vielmehr die Bedeutung eines verlässlichen Zugangs zum US-Markt.

Equedia analysierte eine frühere Phase dieser Spannungen in Die Vereinigten Staaten gegen Deutschland: Ein globaler Finanzkrieg. Die Taktik hat sich verändert, doch der Ansatzpunkt ist derselbe geblieben: Industriepolitik wird zunehmend eingesetzt, um Kapital, Produktion und strategische Lieferketten umzulenken.

Das übergeordnete Risiko besteht in einem schleichenden Investitionsverlust auf beiden Seiten. Deutsche Unternehmen zögern wegen der unsicheren US-Politik, ihr Geschäft in Amerika auszubauen, während strukturelle Schwächen im Inland neue Kapazitäten in Deutschland schwerer zu rechtfertigen machen. Kapital muss nicht von Deutschland in die Vereinigten Staaten fließen; es kann in ein anderes EU-Land, nach Asien oder überhaupt nicht investiert werden. So wird aus einem vorübergehenden Zollkonflikt ein langfristiges Problem für die Industrie. Wie Equedia in Der Verlust der Industrieproduktion erläuterte, lassen sich industrielle Kapazitäten nur schwer wiederaufbauen, wenn Investitionen, Zulieferer und Fachkräfte erst einmal verschwunden sind.

Worauf Anleger jetzt achten sollten

Die Schlagzeile von €4.3 Milliarden ist wichtig, doch Anleger sollten bei künftigen Kapitalströmen nicht nur auf die Gesamtsumme, sondern vor allem auf deren Zusammensetzung achten. Vier Indikatoren sind entscheidend:

  • Neues Eigenkapital: Eine Erholung wäre ein Signal dafür, dass Unternehmen wieder zu Übernahmen und langfristigen Kapazitätsinvestitionen bereit sind.
  • Reinvestierte Gewinne: Eine anhaltende Stärke würde bestätigen, dass etablierte US-Tochtergesellschaften profitabel und strategisch wichtig bleiben.
  • Projektankündigungen: Werkserweiterungen und Pläne für eine lokale Beschaffung sind aussagekräftiger als politische Investitionszusagen.
  • Zollumsetzung: Stabile Sätze, klare Ausnahmen und dauerhafte Ursprungsregeln würden die Risikoprämie für US-Projekte senken.

Auch das unternehmensspezifische Engagement ist von Bedeutung. Ein deutscher Hersteller mit umfangreicher US-Produktion und lokalen Zulieferern befindet sich in einer anderen Position als ein Unternehmen, das Fertigwaren über den Atlantik verschifft. Anleger sollten zwischen US-Umsätzen und US-Produktion unterscheiden und anschließend prüfen, in welchem Umfang diese Produktion von importierten Vorleistungen abhängt.

Der Investitionseinbruch zeigt nicht, dass deutsche Unternehmen das Vertrauen in die amerikanischen Verbraucher verloren haben; die Stärke der reinvestierten Gewinne deutet auf das Gegenteil hin. Vielmehr zeigt er, dass die Unternehmen dem politischen Horizont nicht ausreichend vertrauen, um den nächsten großen Scheck auszustellen. Die USA können Zölle schnell verhängen, aber sie können Privatunternehmen nicht anweisen, Fabriken nach Zeitplan zu bauen. Bis die Handelsregeln berechenbarer werden, werden etablierte deutsche Standorte weiterarbeiten, während die nächste Expansionswelle aufgeschoben bleibt.

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